Anfänge der Kantorei
Von Claudia Müller
Als der frischgebackene junge Kirchenmusiker Heinz Lamby vor 25 Jahren eine Kinderschola gründete, wollte er eigentlich nur Nachwuchs für den bereits bestehenden Kirchenchor St. Alban heranziehen. Der Einladung zur ersten Schnupperprobe am 12.11.1971 folgten 14 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren mit unterschiedlicher musikalischer Vorbildung. Ein umfang- und abwechslungsreiches Ausbildungsprogramm startete, bei dem die wichtigsten theoretischen Grundlagen wie Noten, Notennamen, -linien, -schlüssel, Takt- und Tonarten, Gehörbildung, Blattsingen usw. kindgerecht aufbereitet und trainiert wurden. Natürlich wurde von Anfang an auch viel gesungen, zunächst einstimmige lustige Lieder, leichte Kanons und spezielle einstimmige Kindergesänge für den Gottesdienst.
Viel Wert legte Herr Lamby schon immer auf guten Kontakt zu den Eltern. In den ersten Jahren organisierte er u. a. regelmäßige Elternabende, bei denen außer Informationen und Diskussionen auch musikalische Darbietungen des „Chörchens“ und einzelner Mitglieder auf dem Programm standen. Auch an den, nach dem Besuch des Opel-Zoos 1972 seit 1974 jährlich stattfindenden, Sommerausflügen mit dem Schiff oder dem Reisebus nahmen die Eltern und Geschwister immer gerne teil. Die meisten Eltern freuten sich so sehr über die sinnvolle Freizeitgestaltung, die fröhliche Arbeitsatmosphäre und den Aufschwung des stetig wachsenden Chores, dass sie nicht nur gerne dem 1974 gegründeten Förderverein beitraten, sondern viele, viele Wochenendaktivitäten opferten, um ihren Kindern das Mitsingen in den Gottesdiensten zu ermöglichen.
Etwas besonderes waren die Fahrten nach Gernsheim zu den Kindersingwochen der Diözese Mainz, die seit 1975 alljährlich eine Woche lang die Osterferien verschönten. Hier konnten die Kinder der Kantorei mit Kindern aus anderen Kinderchören zusammenkommen. Zwischen den gemeinsamen Chorproben und Andachten war jede Menge Zeit, die in nach Alter getrennten Gruppen von erfahrenen Gruppenleitern gestaltet wurde (Spiele, Basteln, Schwimmbad, Geländespiele) und auch noch Freiraum zur eigenen Gestaltung ließ (Völkerball, Tischtennis, Herumstreunen auf einem riesigen, abgeschiedenen Feld-Wald-Wiesengelände). Auch eine Nachtwanderung sowie der sorgfältig vorbereitete „Bunte Abend“ durften nie fehlen.
Eine andere tolle, eher ungewöhnliche Erfahrung war das Mitspielen und -singen einiger Chorkinder ab 1975 in bisher 13 verschiedenen Opern des Mainzer Staatstheaters. Schon das Dabeisein bei den Proben machte großen Eindruck auf die Sängerinnen und Sänger. Das Schnuppern der Theaterluft gefiel den meisten außerordentlich gut. Ausstaffiert mit Kostümen, z.T. Schminke und Perücke, tauchten sie tief in diese geheimnisvolle Welt ein. Sie bewunderten und verehrten die Hauptdarsteller, einige ältere Mädchen verliebten sich, und aus einer Theaterromanze entwickelte sich sogar eine Ehe!
Mit dem ständigen Nachrücken neuer Kinder in den Chor wuchs nicht nur die Mitgliederzahl, sondern auch die Spannweite des Alters und des musikalischen Ausbildungsstandes. Um auf den individuellen Leistungsgrad besser eingehen zu können, wurde eine „Vorschule“ geschaffen, eine Stimmbildnerin für Einzel- und Gruppenunterricht eingestellt und zusätzlich die Älteren des Chores (ab 12 Jahre und 2 oder 3 Jüngere) abgeteilt. Diese Gruppierung, die zunächst den etwas unglücklichen Namen „Auswahlchor“ erhielt, bekam dann einige Männerstimmen dazu und konnte somit in anspruchsvollere Chorliteratur hineinwachsen. Schon bald produzierte dieser „Auswahlchor“ die erste LP („Es kam ein Engel“, 1977) und unternahm eine erste, von der Chorkasse stark unterstützte, Herbstreise nach Oberinn/Südtirol (1976). Es war eine außerordentlich harmonische Gemeinschaft, von der niemand ausgeschlossen wurde. Die Kindersingwochen in Gernsheim hatten einen würdigen Ersatz bekommen und blieben von nun an den Kleineren vorbehalten, während der „Auswahlchor“ weiterhin die Herbstferien für seine Reisen nutzte.
Der Einfachheit halber wurde der „Auswahlchor“ in A-Chor, der Rest in B-Chor umbenannt. Bedingt durch die geringe Altersspanne im B-Chor und die stark wachsende Zahl Jugendlicher und Erwachsener im A-Chor kehrte sich das Mengenverhältnis mit der Zeit um, und einige ältere Chormitglieder regten eine weitere Aufteilung an. So entstand in den 80er Jahren ein „Erwachsenen-Chor“, der E-Chor für Sänger/innen ab 16 Jahren, der aber den endgültigen Sprung zum eigenständigen Chor (noch) nicht geschafft hat.