Südtirol 1992

Im Jahr eins nach Golling (man schrieb das Jahr 1992 in der christlichen Zeitrechnung) führte die Herbstfreizeit den Chor (bestehend aus 40 Sängerinnen und Sängern, 3 Ehepartnern und 2 Kindern) nach Südtirol in eine Jugendherberge zur Familie Pichler. Der Reisebus, wie später meistens kostenlos, chauffiert von 'Startenor' Thorsten, machte sich morgens um etwa 7.15 Uhr (mit der üblichen pädagogischen Viertelstunde Verspätung) auf den langen beschwerlichen Weg. Die Fahrt verlief ohne Hindernisse, so daß der Chor, ermattet durch das anstrengende Schwätzen und Radaumachen, sich um 19.00 Uhr ganz der Besteigung des Berges widmen konnte. Besonders Tenorneuzugang Michael (ausgezeichnet durch ein für Chorverhältnisse fast biblisches Alter) genoß den serpentinenreichen Aufstieg, konnte er sich doch so nochmals ganz dem Vollgefühl des Magens widmen. (Fairerweise muß gesagt werden, daß auch der Verfasser dieses Arti-kels ihm in dem Übelkeitsgefühl in den nächsten Tagen nicht nachstand.)

Endlich, fast die volle Paßhöhe erreicht, lag das Haus vor uns, und alle stürmten hinein, um 'ihr' Domizil in Beschlag zu nehmen. Viele Zimmer, eine nette Bewirtung, ein großer (als einziges immer warmer) Aufenthalts- und Eßraum waren ebenso vorhanden wie eine nicht ganz dem unsrigen Standard entsprechende Duschanlage, wovor sich dennoch vor jeder Waschaktion in den nächsten Tagen lange Warteschlangen bildeten (wer zuerst kam, hatte noch leidlich warmes Wasser). Vergnügt packte man Koffer und Taschen aus, und manche benutzten unverständlicherweise sogar die Schränke, um darin ihre Klamotten verschwinden zu lassen. Andere hielten das für einen unnötigen Luxus (es waren nicht nur die 'Kleinen'!!) und genossen mehr das Pfadfinderleben ("Hoffentlich finde ich heute abend noch mein Bett und morgen früh den Ausgang" - Gruß an das 'Frauenzimmer'). Die Geschmäcker waren halt verschieden, doch das Essen, gekrönt durch den gemeinsamen Abwasch, befriedigte alle. Allerdings gehörte zu jedem Essen auch, daß man von Detta und Bisch im Treppenhaus auf der Fensterbank sitzend begrüßt wurde.

Die nicht durch den Chorleiter verplanten Stunden wurden zur Regeneration genutzt. Dies bedeutete faulenzen, lesen, sich auf dem Balkon sonnen (Martinas bevorzugter Platz), schwätzen, Ball- oder Kartenspielen, die beiden Kleinsten (3 ½ und 1 ½ Jahre) umsorgen (nochmals Dank an alle, besonders an Bille, Wibke, Malte, Dominik und Bernhard), spazierengehen oder einfach 'mal die Ruhe genießen. Doch wie das so ist, eine Chorfreizeit bedeutet eben neben Freizeit, die abends dann vor allem aus Spielen, Erzählen und Beisammensein, bereichert durch das Rösten der Maronen auf dem Kaminofen, bestand, auch Singen, Üben, Gottesdienste und Kultur. Letztere wurde insbesondere durch die eindrucksvolle Fahrt nach Venedig bedient, auf der Frau Lamby auch noch bei den Besichtigungen die Hortmutterfunktion wahrnahm. Was Venedig aber, neben den unvergeßlichen Eindrücken positiver, wie dank des Dreckes auch negativer, Art wirklich als bleibendes Erlebnis ausmachte, war die Selbständigkeit von Bernhard, der seine übergroße Courage zum Zeitpunkt der Rückfahrt zum Busparkplatz entwickelte und Venedig nochmals per Boot erkundete. Vollgestopft mit dem Erlebten kamen dann doch noch alle nach einem 14-Stunden-Tag um 21.00 Uhr heil wieder an.

Neben dieser Fahrt, dem Ausflug auf den Penegal (1737 m), von wo man einen herrlichen Ausblick hat, und nach Meran, das Thorsten noch nicht einmal ansehen konnte, da diese Touristenstadt nicht mit einem innerstädtischen Busparkplatz aufwarten konnte, kamen auch Gottesdienstausgestaltungen nicht zu kurz. Außer in der Kirche in Neumark sangen wir auch in Bozen und Solorno (Italien), von wo der Gottesdienst im Radio übertragen wurde. Dafür wurde ebenso jeden Tag geübt, wie auch neue Stücke für Alben einstudiert wurden.

Abschließend bleibt festzustellen, daß es eine schöne Herbstfreizeit war, der auch die feuchten Zimmer (keine Heizung) und die nicht immer funktionierenden Duschen etwas anhaben konnten, da das gemeinsame Erleben in der Gemeinschaft alles wettmachte. Nach 9 Tagen kamen alle wieder gesund, wohlbehalten und wohl auch ein bißchen müde in Mainz an, und eines wurde klar: Golling war der Beginn einer fest eingeplanten institutionalisierten (11 mal) Herbstfahrt, doch auch diese wie die folgenden bewiesen, daß es auch (wo-)anders sehr schön sein kann, ob dies Valencia (1993), London (1994), Mallorca (1995) oder Israel (1996) ist.